Ein Mann wie du

„Kelly“, flüsterte er mit rauer, sinnlicher Stimme, zog sie in seine Arme und beugte sich zu ihr.
(aus: Liholm, M.: Ein Mann wie du, in: Baccara Exklusiv, Band 105, Cora Verlag, Hamburg, S. 68)

Ein einfacher Satz – ein wenig kitschig, nicht weiter spektakulär.
Doch hier und heute haucht George Clooney sanft „Kelly“; mit seiner unverwechselbaren rauen, sinnlichen Stimme. Und das ist etwas Besonderes, denn er haucht es live. Frauen seufzen, ein kurzer spitzer Schrei ertönt aus dem Publikum, gefolgt von Gekicher. Die ein oder andere wünscht sich, er hätte ihren Namen gehaucht: Melanie, Sabrina, Hannah oder Susanne.
Tatsächlich ist es aber gar nicht George Clooney, der hier haucht, flüstert und sanft säuselt, sondern es ist Detlef Bierstedt, seines Zeichens Synchronsprecher von Clooney … und hier und heute liegen ihm die Frauenherzen zu Füßen. Mr. Clooney, packen Sie ein.

primavistalesung

Wir sitzen im Schauspielhaus Bochum bei einer Prima Vista Lesung® der Lauscherlounge, dem Label, dessen kreativer Kopf  Oliver Rohrbeck ist. Er ist die Stimme hinter Justus Jonas von den Drei ???, mit denen ich einen Großteil meiner Kindheit und Jugend verbracht habe. Diese Lesung ist etwas ganz Besonderes: Rohrbeck und Bierstedt lesen Texte, die wir – das Publikum – ihnen mitgebracht haben und die sie vorher nicht zu Gesicht bekommen haben. Das Ganze ist ein Riesenspaß, nicht nur für uns, sondern auch für die beiden.

Der Abend vergeht wie im Flug und er bietet viele Höhepunkte. Die beiden machen sich die unbekannten Texte ganz wunderbar zu eigen, schreien, stöhnen und flüstern. Während Bierstedt einen Abschnitt aus Karl May liest, beginnt Rohrbeck die uns so gut bekannte Melodie aus den Winnetou-Filmen zu summen und zu trommeln. Sie tragen würdevoll schwedische Zungenbrecher vor, streiten sich um das Loriot’sche Frühstücksei und können bei „Radkäppchen und der böse Golf“ die miesen Wortspiele kaum ertragen (ich übrigens auch nicht).

Und einer der Höhepunkte ist dann tatsächlich der Text, den ich mitgebracht habe. In den letzten Tagen vor der Lesung hatte ich mir immer mal wieder kurz den Kopf darüber zerbrochen, was ich denn mitnehmen will. Einen lustigen Text? Einen ernsthaften? Lyrik oder Prosa? Eine schlecht übersetzte Gebrauchsanweisung? Das schien mir alles nicht das Richtige zu sein. Und plötzlich hatte ich die Idee: einen Groschenroman! Ziemlich kitschig und irgendwie sowas wie „erotisch“, glühende Leidenschaft quasi. Und wie es der Zufall will, landet mein Text auch noch auf der Tischseite von George Cloo…, äh, Detlef Bierstedt. Perfekt! Das Heftchen trifft voll ins Schwarze. Kein Wunder, wer möchte nicht gerne George Clooney mit sinnlicher Stimme flüstern hören?

Die Krux des Synchronsprechers ist ja eigentlich (ähnlich wie die des Übersetzers), dass  keiner deinen Namen kennt und kaum jemand deine Arbeit zu schätzen weiß. So steigt natürlich auch vor meinem inneren Auge Ben Stiller auf, wie er hektisch nachts durchs Museum rennt; und George Clooney, wie er in Ocean’s Eleven verschmitzt und leicht dümmlich zugleich aus der Wäsche guckt. So soll das auch sein, denn damit spielt das Konzept dieser Lesung. Aber sie schafft es auch, dass die Personen hinter den Stimmen heute für mich ein „Gesicht bekommen“ und ich mir ihre Namen merken kann. Das ist doch was. Klassenziel erreicht.

Nach zwei gut gefüllten Stunden, einer Zugabe und viel Applaus ist diese großartige Lesung dann auch schon wieder vorbei. Man möchte eigentlich noch gar nicht gehen, so schön war’s. Also nutze ich die Gelegenheit und spiele Groupie: Mein Groschenroman muss aufgewertet werden, eine Unterschrift muss her. Und so kommt es, dass ich mir wie ein verliebter Fan ein Autogramm hole, obwohl mir normalerweise nichts ferner liegt als das.

"Herr Clooney, ein Autogramm bitte." "Ich bin nicht Herr Clooney." "Ach, das weiß ich doch. Aber wenn Sie dann bitte hier ..., Herr Clooney."

„Herr Clooney, ein Autogramm bitte.“ „Ich bin nicht Herr Clooney.“ „Ach, das weiß ich doch. Aber wenn Sie dann bitte hier …, Herr Clooney.“

Gewiss, Herr Bierstedt, Sie sind nicht George Clooney. Und ich bin erst recht nicht Stacey Keibler. Aber mal ehrlich: Wir sind verdammt nah dran.

bierstedt

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3 Kommentare

  1. Oh…die Stimme hätte ich gern gehört. ˆ-ˆ Coole Sache… wann und wo gibt’s sowas in der Art wieder?

    Antwort
    • Wenn du oben auf den Link von der Prima Vista Lesung klickst, dann findest du alle Termine.
      In der Nähe sind sie das nächste Mal im November in Bottrop. Ich überlege auch schon, ob ich nochmal hingehe, weil es wirklich ein Riesenspaß ist 🙂

  2. Oh, da wär ich auch gern dabei gewesen.

    Liebe Grüße, Carmen

    Antwort

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