Foto der Woche: #3

Ententeich bei mir umme Ecke, 18.01.2014

Ententeich bei mir umme Ecke, 18.01.2014

(Mein Beitrag zum Foto der Woche von Fee und Juli.)

Advertisements

Heimat

Ein seltsames Gefühl ist es, hier wieder etwas zu schreiben. In den letzten Monaten hatte mich das „echte“ Leben so sehr im Griff, dass an Bloggen nicht mal ansatzweise zu denken war. Schon gar nicht strukturiert. Und das wollte ich ja eigentlich mal angehen – strukturierteres Bloggen; d.h. eigentlich wollte ich dem Ganzen hier eine etwas einheitlichere Richtung geben. Aber das ging gar nicht. Nichts ging mehr, außer den Dingen, die man halt so macht beim Renovieren, Umziehen usw. Und so wirklich geändert hat sich das immer noch nicht. Es gibt so viel zu tun, dass ich nicht nachkomme, aber gleichzeitig ist da diese bleierne Müdigkeit, die mich an manchen Tagen so sehr lähmt, dass ich einfach nur rumliegen will. Na gut, meinen Job mache ich dann zwar schon, aber der Rest? Der ist erst einmal egal. Nun kommt auch noch Weihnachten und das empfinde ich in diesem Jahr als echte Belastung. Keine Zeit, Karten zu schreiben, keine Zeit, Geschenke zu kaufen, keine Zeit, sich irgendwie weihnachtlich zu fühlen.

Ich sitze hier also in diesem neuen Zuhause, das sich schon so altbekannt anfühlt, als hätte ich die letzten zehn Jahre hier verbracht. Aber alles ist chaotisch. Keine Umgebung, in der ich kreativ sein kann. Meine Ideen liegen irgendwo tief vergraben in meinem Inneren und dorthin gelange ich gerade nicht. Keine Kraft, um an der Kunst zu arbeiten, und auch keine, um interessante Blogbeiträge zu schreiben.

Schon lange will ich einen Eintrag schreiben über meine Stadt, meinen Stadtteil und den Ort, der meine Heimat ist (und der zufälligerweise auch noch Heimaterde heißt). Schon lange habe ich eine kleine Serie geplant, um über die netten Ecken von Mülheim zu berichten. Und dann vor einigen Wochen entstand auf einmal diese kleine Reihe von Blogartikeln, in denen Blogger über ihre Stadtteile schreiben (Anne hat die Artikel für das Ruhrgebiet hier gesammelt). Und dort schrieb Uwe über meine Heimat. Er beschreibt die Gegend ganz gut. Vor allem den netten Dorf-EDEKA, in dem man den Einkaufswagen noch ohne Chip bekommt und viel Zeit mitbringen muss. Aber natürlich habe ich tausend Ergänzungen. Will Fotos zeigen, die ich gerade nicht habe, und tausend kleine Geschichten erzählen, die mir einfallen, wenn ich mir seinen Film anschaue, der einen Teil meines täglichen Weges zeigt. Ich habe versucht, diesen Blogeintrag zu schreiben, aber das klappt nicht so recht. Ich verliere mich in diesen tausend Kleinigkeiten, denn ich lebe nicht erst seit siebzehn Jahren hier (seit ich von zu Hause ausgezogen bin), sondern ich habe auch in meinen ersten sieben Jahren schon in diesem Ortsteil gewohnt. Ich bin hier aufgewachsen, in den Kindergarten und zwei Jahre zur Grundschule gegangen und selbst als wir weggezogen waren, habe ich einen Teil meiner Freizeit hier bei meinen Freunden verbracht. Und wenn ich nun über diesen Ort schreiben will, dann fallen mir so viele Sachen ein, dass ich mich darin verlaufe.

Denn natürlich sah es hier früher anders aus als heute und daran muss ich dann unweigerlich denken. So gab es z.B. ein Feld an der Stelle, an der heute Neubauten stehen entlang des Weges, den man in Uwes Filmchen sieht. Dort standen die Pferde vom Kollegen meines Vaters. Und ich erinnere mich an diesen einen Kindergeburtstag, an dem er uns mit seiner Kutsche durch den Ort gefahren hat. War das ein Spaß! Und wenn ich an diesen Kollegen denke, dann fallen mir unsere Besuche in seinem Garten mit den kleinen Walderdbeeren ein, die sooo lecker waren.

Oder der Dorf-Edeka: Der war natürlich früher kleiner, wir wohnten direkt schräg gegenüber und dort, wo sich heute der Parkplatz befindet, stand eine Tankstelle. Den Besitzer kannten wir mit Namen und mein Papa durfte immer sein Auto bei ihm abstellen.

Oder mein Kindergarten: Den gibt es seit einigen Jahren nicht mehr, das Haus ist heute ein Wohnhaus. Aber immer wenn ich daran vorbei komme, muss ich daran denken, wie ich mich mit der Schaukel eingedreht habe und beim Auseinanderdrehen mit dem Kopf vor die harte Eisenstange gedonnert bin.

Oder das Rhein-Ruhr-Zentrum: 1973 wurde es gebaut und es war das erste richtig große Einkaufszentrum. Im Vergleich zu den riesigen Dingern, die es heute gibt, war das echt süß damals mit seinen 57 Geschäften. Später wurde es dann vergrößert und quasi aufgerüstet, damit hat es ein wenig sein Flair verloren. Ich mochte einiges, was optisch noch an die 70er- und 80er-Jahre erinnerte. Überhaupt ist mein Verhältnis zum RRZ recht zwiegespalten. Ich mag es gern an Tagen, an denen ich morgens um elf Zeit habe, mal schnell rüberzuhuschen, wenn der Rest der Menschheit arbeiten muss. Aber ich hasse es samstags, kurz vor Weihnachten oder an verkaufsoffenen Sonntagen. Und vor allem dann, wenn der berüchtigte Trödelmarkt stattfindet, dann ganz besonders. Dieser fürchterliche Trödelmarkt, auf dem es nur Neuware zu kaufen gibt und über den sich Menschenmassen schieben, als ob es nirgendwo auf der Welt etwas Schöneres gäbe.

Und wenn ich so an diesen Trödelmarkt denke, dann muss ich auch an meine erste Wohnung denken, denn die lag noch näher dran am RRZ – ich konnte quasi rüberspucken – und immer wenn Trödelmarkt war, parkten alle vor unserer Haustür, in unserer Einfahrt, hinter unseren Autos, sodass wir nicht mehr rausfahren konnten. Scherte sich keiner drum, war allen egal. Ich muss also an meine erste Wohnung denken und die lag nicht nur in Spuckweite zum RRZ, sondern damit natürlich auch zur A40. Und Spuckweite muss man hier wörtlich verstehen: Die Leute, die den Fußweg neben der Autobahnmauer entlang zur U-Bahn gingen, konnten direkt in mein Schlafzimmer schauen, wenn ich die Rollos hochgezogen hatte. Es waren etwa zwei Armlängen bis zu meinem Fenster, vielleicht auch drei, aber mehr sicher nicht. Aber schön war es trotzdem. Sechs Jahre habe ich dort verbracht, in einer „Hausgemeinschaft“ mit meiner Schwester und ihrer besten Freundin. Mit einem Garten, einer Dadscha und vielen Partys. Besser hätte eine erste eigene Wohnung nicht sein können. Die Vermieterin war eine alte Dame, der wir unser Wassergeld jeden Monat persönlich nach Hause brachten. Unvorstellbar heute. Das schöne Leben dort endete leider sehr unschön mit dem Tod der Vermieterin, einer Erbengemeinschaft, dem Hausverkauf, schlimmen neuen Vermietern, noch schlimmeren Nachbarn und letzendlichem Rausschmiss durch die neuen ekligen Vermieter. Wie sowas eben so läuft.

Und wenn ich an meine erste Wohnung denke, muss ich natürlich auch an alle folgenden denken. Den Auszug von Zuhause mitgerechnet bin ich insgesamt fünfmal umgezogen. Dabei blieb ich immer innerhalb des Stadtteils Heißen, zu dem auch der Ortsteil Heimaterde gehört, bis heute. Für viele sicher unvorstellbar. Aber man ist ja hier mittendrin im Ruhrgebiet, alles ist schnell erreichbar, kein Grund also, wegzuziehen. Und waren die Wohnungen zwar immer sehr unterschiedlich (und vor allem die Nachbarn), so blieb mir dafür die bekannte Umgebung als Konstante erhalten. Spießig, ich weiß, aber beruhigend.

Es fällt mir noch so vieles ein, über das ich noch nicht geschrieben habe. Der tolle Wald (das Rumbachtal), der fußläufig erreichbar ist und in dem man so schön spazieren gehen kann; der geschichtliche Hintergrund der Heimaterde, die ab 1918 als Siedlung für die Krupp-Mitarbeiter gebaut wurde; die poetischen Straßennamen wie „Zwischen den Gärten“ oder „Sonnenweg“.

Und dann fallen mir auch noch mindestens genauso viele Sachen über den Stadtteil ein, in dem ich den Rest meiner Kindheit verbracht habe, über die anderen Stadtteile von Mülheim, in denen ich aus unterschiedlichen Gründen auch viel Zeit verbracht habe, über Essen, über Oberhausen, über Duisburg und Bochum, über das Ruhrgebiet, über die Niederlande, über Benelux. Heimat ist eben nicht nur an einem Ort, Heimat ist überall dort, wo man schöne Erinnerungen gesammelt hat und wohin man immer wieder gerne zurückkehrt.

Aber am meisten Heimat steckt für mich in der Heimaterde.

%d Bloggern gefällt das: